Raffinerie-Standort Deutschland: Produktion übersteigt Nachfrage deutlich

08.09.2010 | Bochum
Die deutsche Raffinerielandschaft steht vor durchgreifenden Veränderungen. Nach Einschätzung von BP, dem zweitgrößten Erdöl-Raffineriebetreiber in Deutschland, erwartet die Branche bis zum Jahr 2020 deutliche Absatzrückgänge. Die Folge: Der Wettbewerbsdruck wird steigen und langfristig werden nur die wettbewerbsfähigsten Standorte überleben können.

Bereits 2009 schrieben die deutschen Raffinerien "rote Zahlen", erläutert BP Raffinerieexperte Hans-Joachim Bautsch den Hintergrund. Schuld daran sei nicht nur die Weltwirtschaftskrise.

Die Raffineriebranche kämpfe auch mit strukturellen Problemen. Denn seit 2007 sei die Verarbeitungskapazität größer als der Verbrauch. 2009 verwandelten die zwölf Raffineriestandorte in Deutschland 115 Millionen Tonnen Rohöl in Fertigprodukte wie Benzin, Dieselkraftstoffe oder Heizöl.

Aber der Verbrauch liegt mit 104 Millionen Tonnen deutlich darunter. Und der weitere Ausblick, so Bautsch, "ist nicht sehr rosig".

Generell wird die Nachfrage nach Raffinerieprodukten in Nordamerika und in Europa in den nächsten Jahren weiter sinken.

In Deutschland gilt dies insbesondere für die Schlüsselprodukte Benzin und leichtes Heizöl. Die Branche erwartet, dass bis 2020 sowohl der Absatz von Ottokraftstoff als auch von Heizöl von derzeit 21 auf jeweils rund 15 Millionen Tonnen zurückgehen wird.

Vor allem beim Benzin, sagt Bautsch, entwickelt sich ein "signifikanter Überschuss", der nur durch ein Zurückfahren der Raffinerien begrenzt werden kann.

Denn der "traditionelle Auslass USA" - deutsche und europäische Raffinerien haben in den letzten Jahren ihre Benzinüberschüsse dorthin exportiert - steht in Zukunft nicht mehr zur Verfügung, weil auch in Amerika die Fahrzeuge sparsamer werden und dort ein zunehmender Anteil des Benzins durch den Biokraftstoff Ethanol ersetzt wird.

Sparsamere, effizientere Automotoren und Hausheizungen führen in Deutschland schon seit 1996 zu einem stetig sinkenden Verbrauch von Benzin, Dieselkraftstoff und Heizöl.

Noch im Jahr 2000 konnten die Raffinerien jeweils 28 Millionen Tonnen Otto- und Dieselkraftstoff sowie Heizöl absetzen.

Heute sind die Produktmengen bei Benzin und Heizöl parallel um mehr als 25 Prozent gesunken, nur die Dieselnachfrage ist wegen der verstärkten Zulassung von Diesel-Pkw und dem erhöhten Transportaufkommen um zehn Prozent gestiegen.

Die Folge der erodierenden Nachfrage ist ein Überangebot: Seit 2007 liegt die Verarbeitungskapazität der deutschen Raffinerien nach langer Zeit wieder über dem Verbrauch - eine Situation, die es Anfang der achtziger Jahre schon einmal gegeben hat.

Als Folge der Ölkrisen wurden in den Jahren 1982 bis 1985 in Deutschland insgesamt 16 Raffineriestandorte stillgelegt, mit einer Gesamtkapazität von 62 Millionen Tonnen im Jahr.

Innerhalb dieses kurzen Zeitraums hatte sich die Anzahl der Standorte nahezu halbiert. Übrig blieben Raffinerien mit einer jährlichen Produktionskapazität von 109 Millionen Tonnen.

Danach war Deutschland Importland. Der Mineralölverbrauch überstieg die inländische Erzeugung und die Raffinerien konnten mit guter Auslastung laufen.

Ihre Jahreskapazitäten blieben lange Zeit konstant, erhöhten sich nur langsam auf inzwischen 115 Millionen Tonnen.

Im Jahr 2007 kam dann die Wende, ausgelöst durch den schleichenden Rückgang der Nachfrage.

Die geringere Nachfrage nach Raffinerieprodukten wird noch verstärkt durch die wachsende Bedeutung, die den Biokraftstoffen zukommt. Biokraftstoffe wie Ethanol, das als Benzinersatz fungiert, oder Biodiesel werden staatlich gefördert, weil sie die Treibhausgasemissionen absenken, aber auch, weil sie die Versorgungssicherheit erhöhen und ihr Anbau die Landwirtschaft unterstützt.

In Deutschland wird seit 2005 Biodiesel dem konventionellen Diesel zugemischt, zunächst mit maximal fünf, jetzt mit sieben Prozent. Ottokraftstoff enthält derzeit fünf Prozent Bioethanol, eine Erhöhung auf zehn Prozent wird voraussichtlich zum Jahreswechsel kommen.

Der steigende Einsatz der Biokraftstoffe hat deutlich spürbare Einflüsse auf die Raffinerien. Der Pflanzen-Kraftstoff verdrängt nicht nur Rohöl, sondern er zwingt die Benzin- und Dieselfabriken zu neuen Investitionen in ihre Infrastruktur.

So müssen Mischeinrichtungen (Blender) und Lagertanks neu errichtet oder angepasst und die Kraftstoffrezepturen geändert werden.

Verfahrensprozeduren innerhalb der Raffinerien werden auf die Biokomponenten abgestimmt, um weiterhin Kraftstoffe mit der gewohnten Qualität herstellen zu können.

BP hat seit 2002 mehr als eine Milliarde Euro in seine deutschen Raffinerien investiert. Darüber hinaus beschäftigt sich die internationale BP seit einigen Jahren intensiv mit der Forschung und Entwicklung von Biokraftstoffen der so genannten zweiten Generation.

Sie sollen nachhaltig produziert werden, nicht im Wettbewerb zur Nahrungsmittelproduktion stehen und die gesamte Grünpflanze nutzen statt lediglich der Früchte.

BP ist überzeugt davon, dass ihre deutschen Raffineriestandorte, denen im Herzland des Automobils besondere Bedeutung zukommt, den wachsenden Herausforderungen der Zukunft gewachsen sind.

Mit einer Verarbeitungskapazität von rund 17 Millionen Tonnen Rohöl im Jahr (zum Vergleich: Österreich und die Schweiz zusammen verfügen über eine Raffineriekapazität von 15 Millionen Tonnen) unterhält BP das zweitgrößte Raffinerienetz in Deutschland.

Neben den Raffinerien in Gelsenkirchen und Lingen, deren Betreiber BP ist, hält der Konzern noch Beteiligungen an den Raffinerie-Standorten in Schwedt, Karlsruhe und Ingolstadt.

Quelle: Pressemeldung Deutsche BP AG

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