"Nicht immer nur mit dem Strom schwimmen"

21.07.2009 | München
Anfang 2009 hat die Allianz - auch als Folge der Finanzkrise - eine Stabsabteilung zur volkswirtschaftlichen Forschung und zur Strategieentwicklung gegründet: Allianz Economic Research and Corporate Development. Leiter der Abteilung ist der Chefvolkswirt der Allianz. Allianz.com News befragte Michael Heise nach den Erfahrungen der ersten sechs Monate und zum Ausblick auf die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft.

Herr Dr. Heise, ein Teil Ihrer Abteilung ist von der Dresdner Bank auf die Allianz übergegangen. Was hat sich geändert, seitdem Sie ausschließlich für die Allianz analysieren und gestalten?

Michael Heise: Vor allem die Perspektive. Es ist nicht mehr jede kurzfristige Entwicklung an den Finanzmärkten und in der Konjunktur zu kommentieren. Wichtiger sind die großen Trends, die unsere Märkte und unser Geschäft beeinflussen. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Also konzentriert sich Ihr Team auf langfristige makroökonomische Prognosen?

Heise: Nicht ausschließlich: Unsere Analyse hat einen stärkeren Unternehmensbezug zur Allianz bekommen. Wir verzahnen volkswirtschaftliche Forschung und strategische Unternehmensentwicklung. Dazu gehören natürlich langfristige Einschätzungen zu Risiken und Marktchancen. Beispiele für diese Verzahnung von Volkswirtschaft und Strategie gibt es viele. Sind wir nach der Finanzkrise in den verschiedenen Märkten strategisch richtig positioniert? Ist die Wachstumsstory der Allianz nach der Finanzkrise intakt? Ist an den Märkten überhaupt noch Wachstum möglich?'

Und? Wird es nach der Finanzkrise überhaupt noch Wachstum geben, die meisten Prognosen zeichnen ein ziemlich schwarzes Bild.

Heise: Es gibt viele wirtschaftliche Herausforderungen, vor denen wir stehen. Aber man muss auch sehen, dass Prognosen häufig selbst prozyklisch sind, dass heißt sie spiegeln die gerade aktuellen Trends an den Märkten wider. Das hat in den letzten Monaten zu enorm düsteren Szenarien geführt. Aber wir sehen zurzeit, dass sich die Indikatoren auch wieder drehen können. Mit dem allmählich nachlassenden "Angstfaktor" und den massiven staatlichen Konjunkturprogrammen wird wieder Nachfrage erzeugt. Das spricht dafür, dass es schon in 2009 wieder zu einer gewissen Belebung kommen wird.

Damit erscheinen Sie recht optimistisch.

Heise: Ich denke, dass die theoretischen Zusammenhänge eine solche Aussage erlauben. Es geht bei Prognosen nicht darum, volkswirtschaftliche Indikatoren zu extrapolieren, sondern man muss versuchen, die richtige Diagnose zu stellen - also zu verstehen, was passiert ist. Und ich denke, es ist ziemlich klar, dass wir in den letzten Monaten einen massiven Erwartungsschock hatten, eine Verunsicherung der Wirtschaftsakteure, die zu einem ziemlichen Stillstand der Aktivitäten geführt hat. Ein solcher Zustand wird nicht dauerhaft sein und er lässt sich nicht in die Zukunft extrapolieren.

Ihre Prognosen wurden gerade vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung wie schon in den letzten Jahren ausgezeichnet für ihre Genauigkeit.

Heise: Das freut uns natürlich und gibt die nötige Kraft, auch mal eine deutlich abweichende Meinung zu vertreten. Damit macht man sich nicht immer beliebt, und man trifft auf viele Zweifel. Aber wer unternehmerisch Erfolg haben will, kann nicht immer nur mit dem Strom schwimmen.

Quelle: Pressemeldung Allianz

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